Ausgrabungen Ruine Montfort

Vom "Palas" zum Ganerben-Wohnhaus

v. Stefan Köhl, Bad Münster a. St./Ebernburg

Seit Generationen gilt den Burgen als steinernen Zeugen des "finsteren Mittelalters" besonderes Interesse aller Bevölkerungsschichten. Waren nach dem Krieg zunächst nur vereinzelte denkmalpflegerische Bemühungen zu verzeichnen, so setzten Mitte der 70er Jahre verstärkt Aktivitäten ein, mit dem Ziel, die Burgruinen als wichtige Kulturdenkmäler der Gegenwart zu erschließen und der Nachwelt zu erhalten. Bei diesen Initiativen, von staatlicher Seite oder von Privatpersonen getragen, konnte es nicht ausbleiben, dass auf den betreffenden Anlagen gegraben wurde, sei es zwangsläufig bei den Sicherungsarbeiten an altersschwachem Gemäuer, sei es aus purer Neugier, was sich noch alles an Hinterlassenschaften der ehemaligen Burgbewohner finden ließe. Schließlich wurde der Ruf nach gezielten Ausgrabungen immer lauter.

Ausgrabung 02 

1983 konnte auf Initiative von Dr. Gerd Rupprecht (Landesamt für Denkmalpflege, Abt. Bodendenkmalpflege, Mainz) erstmals ein solches Projekt im Kreis Bad Kreuznach angegangen werden. Ein geeignetes Projekt fand sich in der Burgruine Montfort in der Gemarkung Hallgarten. Sie stand damals zu 4/5 im Eigentum des Landkreises Bad Kreuznach, der im zusammenwirken mit einer Bürgerinitiative und mit Hilfe von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Burgruine seit 1974 nach und nach mit einem Aufwand von nahezu € 300.000,-- gesichert und saniert hat. Heute ist die Ruinenanlage wieder gefahrlos zu betreten und der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Burg wurde 1226 erstmals urkundlich erwähnt und 1456/57 nach einer Belagerung ausgebrannt. Diese frühe Zerstörungsdatum erlaubt gute Datierungsmöglichkeiten des Fundmaterials, was angesichts des derzeitigen Defizits in der Erforschung mittelalterlicher Gebrauchsgegenstände, gerade in dieser Gegend vielversprechende neue Erkenntnisse erwarten lies. Außerdem waren wichtige Aufschlüsse über die Baugeschichte der außergewöhnlich gut erhaltenen Anlage zu erwarten. Vom 1. bis 31. August 1983 wurde von fünf Archäologiestudenten unter der Oberleitung von Dr. Rupprecht und der örtlichen Grabungsleitung von S. Köhl im Raum G (>> Lageplan << ) in der Nordwestecke der Burg gegraben. Finanziert wurden die Arbeiten von der Bodendenkmalpflege Mainz und der Kreisverwaltung Bad Kreuznach.

Nach dem Beseitigen des Bewuchses wurde zunächst in mehreren Abschnitten der "Mauerversturz" entfernt, d.h. die Schicht die sich im Lauf der Jahrhunderte durch das Einstürzen der den Raum umschließenden Mauern gebildet hatte, wie die vielen Porphyrsteine, die wenigen Sandsteine und der aufgelöste Mörtel dokumentierten. Dabei wurden sämtliche aussagekräftigen, bearbeiteten Steine, die ehemals als Teile von Fenstern, Kaminen etc. vermauert waren, nummeriert, in der Fundlage und -höhe kartiert und später einzeln maßstabgerecht gezeichnet und fotografiert. Erwartungsgemäß wurden in dieser über zwei Meter hohen Schuttschicht nur wenige Kleinfunde gemacht. Lediglich einige ornamentierte Bodenfliesen und eine Vielzahl von teilweise bemalten Wandputzresten konnten geborgen werden.

Weiteres Foto  

Darunter folgte eine etwa 1,20 m starke lehmige, steinarme Schicht, die von dem beim Brand herabgestürzten Decken, Zwischendecken aus Lehm-Fachwerk und dem dach herrührt. In diesem Bereich traten nun in großen Mengen Tonscherben, Eisenfragmente, Buntmetallteile, Knochen, Glas, Bodenfliesen, durchlochte Dachschiefer und eine Münze zutage.

Es folgte das Laufniveau, also der ehemalige Kellerboden, der aus einem grünlichen, knetartigem Lehm bestand. Die Grabung endete auf dem gewachsenen Boden, d.h. auf dem Fels, der direkt unter dem Lehmboden schotterartig entweder verwittert oder absichtlich als Drainageschicht zerkleinert war.

Leider konnte in der veranschlagten Zeit der Raum nicht völlig ausgegraben werden, da das Laufniveau wesentlich tiefer als erwartet lag und die überraschende Fundmenge zu vorsichtigem Vorgehen mahnte. Wenngleich die Grabung daher noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann und angesichts der noch nicht abgeschlossenen Aufarbeitung der Funde (Reinigen, Restaurieren, Zeichnen und Auswerten) Aussagen derzeit nur unter gewissen Vorbehalten gemacht werden können, so zeichnen sich doch eine Reihe von Ergebnissen ab.

Baubefunde:

Raum G ist mindestens einmal umgebaut worden. in der Stauferzeit (vermutlich kurz nach 1200) beherbergt er allen Anschein nach - zusammen mit Raum F - einen ehemals sicherlich recht eindrucksvollen Palas mit einem Unter- und einem Obergeschoss mit abschließendem Satteldach. Der noch vorhandene Kellereingang und vor allem ein mächtiger Kamin, dessen Einzelteile bei der Grabung zum Vorschein kamen, sowie einige Architekturfragmente zeugen davon. Der damalige Standort des Kamins kann aufgrund sorgfältiger Dokumentation bei der Freilegung der herabgestürzten Teile noch recht exakt angegeben werden. Er saß ursprünglich etwa in der Mitte der Westwand von Raum G im ersten Obergeschoss.

Ob wie vermutet, Vorgängerbau bestanden hat, konnte nicht festgestellt werden, da bei einer späteren Umgestaltung des Gebäudes das Bodenniveau offenbar abgesenkt wurde und somit mögliche Spuren, etwa eines Holzgebäudes, bereits im Mittelalter vernichtet wurden.

Jedenfalls machte das Anwachsen der Ganerbenzahl auf der Burg die Unterteilung bereits vorhandener größerer Räume notwendig, und so wurde der Palas durch einziehen einer Zwischenmauer in die jetzigen Räume F und G getrennt. Vermutlich bei dieser Gelegenheit wurde zumindest Raum G aufgestockt.. Ein zweiter, ebenfalls in seinen Teilen komplett aufgefundener Kamin hatte von da ab in der Südwestecke eines weiteren (wahrscheinlich des zweiten) Obergeschosses seinen Platz.

Die Wände waren in mehreren Geschossen verputzt und z. T. bemalt. Mindestens ein Geschoß hatte einen mit verzierten Fliesen belegten Boden. Das Dach war mit Schiefer gedeckt. Bleiverglaste Fenster erhellten den Innenraum. Die Funde zeigen deutlich die Entwicklung des Gebäudes vom spezialisierten Bau (Palas = reiner Repräsentationsbau mit Rittersaal für Feste, Rechtshandlungen usw.), der qualitativ den Rest der Burg übertraf, hin zum gleichgeordneten Ganerbenwohnhaus mit Allzweckfunktion in der Art eines städtischen Burgmannenhauses.

Weiterhin unterstreichen die Funde die schriftlichen Nachrichten von der Aufgabe der Burg 1457. Die chronologische Datierung aus Raum L (nach 1478) besagt, daß ebenfalls ein kleiner Teil der Burg vorübergehend wieder instandgesetzt wurde, möglicherweise um irgendwelche Rechtsansprüche geltend zu machen.


 

Kleinfunde:

Die große Anzahl von Knochen (u.a. von Rind, Schwein, Geflügel, Ziege) sowie Eier-, Walnuss- und Haselnussschalen geben Aufschluss über Ernährung der Burgbewohner. Keramik wurde ebenfalls sehr Zahlreich gefunden und ermöglicht das Erstellen eines aussagekräftigen Keramikspektrums, welches auch von überregionaler Bedeutung werden könnte (Handelsbeziehungen etc.). Hinweise auf die damalige Kleidung geben Schnallen (überwiegend wohl Gürtelschnallen). Ein vergoldeter Fingerring und Tonperlen wurden ebenfalls von den damaligen Herrschaften getragen. Armbrustbolzen bezeugen den militärischen Charakter der Burg. Weitere Funde wie Nähnadeln, Stecknadeln, Spinnwirbel, Schere und Pickel runden das Bild vom Alltagsleben auf der Burg ab.

Die Restaurierung der Funde wird sicher noch weitaus mehr erkennen lasse. Trotz aller Erkenntnisse bleiben noch viele Fragen offen, zu deren Beantwortung die geplante Ausgrabung der restlichen Teile von Raum G im Sommer 1984 sicher vieles wird beitragen können. So ist etwa zu hoffen, dass die Frage nach einer Treppe im Kellereingangsbereich geklärt, das Fundspektrum abgerundet und weitere wichtige Hinweise zur Baugeschichte gewonnen werden können.

Weiteres Foto

Auf alle Fälle hat die Grabung 1983 gezeigt, dass nur durch methodisches Vorgehen und vor allem saubere Dokumentation gesicherte Erkenntnisse gewonnen und der Nachwelt überliefert werden können. Jedes unsachgemäße Ausräumen von Ruinen, beraubt uns unsere Nachfahren einmaliger historischer Quellen in Form von Bodenurkunden, die aus der Abfolge verschiedener Schichten und der zugehörigen Funde bestehen. Bei aller Neugier erfordert die Behandlung einer Burg großes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Allgemeinheit, die ein Recht darauf hat, etwas über das Werden, die Blütezeit und das Vergehen der Burg und Ihrer Bewohner zu erfahren.

 >> Lageplan <<

Quelle: "Bad Kreuznacher Heimatblätter"als Beilage z. "OEFFENTLICHEN ANZEIGER BAD KREUZNACH" Nummer 3/1984

Fotos: G. Korz


 

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